Didaktische Prinzipien

Zentraler Referenzpunkt all unseres unterrichtlichen Handelns ist das „Lernen unserer Schülerinnen und Schüler“. Hieran haben sich all unsere Bemühungen zu orientieren. Zugleich sind wir auch der festen Überzeugung, dass es keinen „didaktischen Königsweg“ gibt, dieses Lernen auf den Weg zu bringen bzw. zu fördern. Jegliche ideologische, methodische und originär didaktische Vereinseitigung – einschließlich jeglicher Überformung in Richtung Heterogenität und Differenz – zieht immer auch starke negative Effekte nach sich.

Was Lernen befördert – sowohl bei der didaktischen Auswahl der Unterrichtsinhalte als auch in didaktisch-methodischer Hinsicht – ist immer auch abhängig von den jeweiligen Voraussetzungen der Lerngruppe, einzelner Schülerinnen und Schüler, den situativen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt der Lehrerpersönlichkeit.

Selbstverständlich verbindet uns und unsere Arbeit die Übereinstimmung mit den curricularen Vorgaben und mit deren jeweiligen Konkretisierungen in den didaktischen Jahresplänen.

Ebenso ist es uns ein Anliegen, nach Möglichkeit von beruflichen Handlungssituationen auszugehen, an den Erfahrungen unserer Schülerinnen und Schüler anzuknüpfen, diesen theoretische Konzepte gegenüberzustellen bzw. die Erfahrungen mit theoretischem Wissen anzureichern und unseren Unterricht grundlegend kompetenzorientiert anzulegen.

Wir wissen aber auch, wie schwierig, letztlich vielleicht sogar unmöglich es ist, wöchentlich eine Vielzahl von Unterrichtsstunden so zu gestalten, dass in Bezug auf Lernprozesse die Qualität generiert wird, die wir für wünschenswert halten. Unsere Anstrengungen, uns um eine solche Qualität dennoch kontinuierlich weiter zu bemühen, bleiben hiervon unberührt.

Eines der zentralen gemeinsamen Kennzeichen unserer Arbeit in all unseren und insbesondere in den drei berufsbezogenen Bildungsgängen ist ein vergleichsweise hoher Anteil an sich anzueignendem Wissen (deklaratives Wissen), das sich wieder rasch verändert.

Diese beiden Aspekte haben unmittelbare Auswirkungen auf unser Schulleben und auf unsere Unterrichtsgestaltung.

Die hieraus abgeleiteten didaktischen Prinzipien setzen voraus und befördern zugleich

  • Anerkennung der Bedeutsamkeit von Schülerpartizipation und
  • Wertschätzung der Schülerpersönlichkeit.

Insofern sehen wir im Rahmen von Unterricht den stärksten Beitrag hin zu einer gesunden Schule. Die gelingende Umsetzung der übergeordneten didaktischen Prinzipien stellt sicher, dass bei allen intendierten Lehr- und Lernprozessen immer auch ein grundlegendes Wohlfühlen aller am Unterricht beteiligten Personen ermöglicht wird.

Konkret zählen wir zu diesen übergeordneten didaktischen Prinzipien:

1. Offenheit und Akzeptanz als Antwort auf ständigen Wandel anerkennen

Die zeitlich begrenzte Aktualität vieler Unterrichtsinhalte, -materialien und -medien verlangt uns ein zuweilen auch anstrengendes hohes Maß an Anpassung an aktuellen Veränderungen ab. Um dies leisten zu können, sind vergleichsweise viele inner- und außerschulische Fortbildungen und Schulungen notwendig und gewollt. Zugleich eröffnet uns die Tendenz, dauerhaft mit Innovationen zu leben, auch eine Lebendigkeit und Offenheit, die sich bei vorhandener Grundstruktur immer wieder bereichernd auswirkt.

Diese Grundparadigmen von Offenheit einerseits und Struktur andererseits sehen wir in Bezug auf Unterricht wie auch in Bezug auf unser Schulleben allgemein.

Das EGB befindet sich in einem Stadtteilgebiet, das in struktureller, kultureller und sozialer Hinsicht vor überdurchschnittlichen Integrationsanforderungen steht. Wir streben an, unseren Schülerinnen und Schülern positive Erfahrungen in einer Bildungseinrichtung zu eröffnen, welche Bildung auch als Selbstzweck und nicht nur als Mittel zum Zweck versteht. Dies sehen wir auch als einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Entwicklungsrisiken, so dass Krisen im Lebenszyklus besser gemeistert werden.

Ein Ort, an dem Menschen, also Frauen und Männer unterschiedlichster Nationalitäten, Kulturen und Religionen leben, lernen, arbeiten, streiten und feiern, ist ohne ein hohes Maß an wechselseitiger Toleranz nicht möglich. Dies bedeutet für uns die Verpflichtung,

  • einander zuzuhören,
  • einander verstehen zu wollen,
  • einander mit allen kulturellen Unterschieden respektvoll zu begegnen und schließlich
  • einander zu schützen, indem wir uns dafür verantwortlich fühlen, dass auch Andere im obigen Sinne handeln.

Mit stabilen, emotional-positiven Beziehungen, mit einem Erziehungsstil, der durch Wertschätzung und Akzeptanz, aber auch durch eine positiv verstandene Autorität sowie durch ein unterstützendes und strukturierendes Erziehungsverhalten gekennzeichnet ist, in Verbindung mit positiven Rollenvorbildern für aktives, konstruktives Problemlösen und prosoziale Handlungsweisen tragen wir ebenfalls zur Persönlichkeitsstärkung unserer Schülerinnen und Schüler bei.

Toleranz, die nicht auf einem eigenen Standpunkt gründet, ist Gleichgültigkeit. Freiheit, deren Grenze nicht die Freiheit des Anderen ist (J.-P. Sartre), ist Zügellosigkeit.

Grober Unfug, unkooperatives Verhalten, klimaschädigendes Verhalten, gemeinschaftsschädigendes Verhalten, destruktives und insbesondere gewalttätiges Verhalten: Dies lassen wir nicht zu. Auch Wegschauen, wenn Gewalt geschieht, ist Dulden von Kriminalität.

Wertschätzung für uns selbst und andere, sich Anderen zuwenden anstatt sich zuzumuten, Anderen Zeit zu schenken anstatt zu stehlen: Hierfür stehen wir ein. Unseren Schülerinnen und Schülern einen solchen Standpunkt entwickeln zu helfen, hierfür setzen wir uns ein.

Aus der grundlegenden Akzeptanz der Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen und Persönlichkeiten und der damit verbundenen Lernvoraussetzungen ergibt sich für uns unmittelbar die Notwendigkeit der Akzeptanz, unseren Schülerinnen und Schülern im Rahmen der uns gegebenen Möglichkeiten eigene Lernwege zu eröffnen, sie auch möglichst individuell zu fördern. Die unterrichtliche Binnendifferenzierung in ihrer gesamten Breite auszuschöpfen und der professionelle Umgang mit Heterogenität und Differenz ist einer der zentralen Herausforderungen und Ziele zugleich, denen wir uns täglich immer wieder neu stellen wollen.

 

2. Mut zu Aneignungsstrategien haben, „Stoffmenge“ mit Üben und Wiederholen beantworten

Ausgehend von einem erkenntnispsychologischen[1] bzw. konkreter von einem problemorientierten[2] Lernverständnis nimmt in unserer täglichen Arbeit die Vermittlung von Techniken zur Aneignung umfangreichen Fachwissens sowie das festigende Üben und Wiederholen besonderen Raum ein.

Unsere Schülerinnen und Schüler wissen um die Bedeutung des Konsolidierens – die dritte Funktion im Aeblischen Lernprozess – und fordern das Konsolidieren auch regelmäßig ein. Sie sind sich der noch vorhandenen fachlichen Lücken bewusst. Wir kennen die motivationssteigernden Erfolgserlebnisse durch Übung und Wiederholung insbesondere bei lernschwächeren Schülerinnen und Schülern.[3]

So gesehen sind wir in Hartmut von Hentigs Diktion „Die Menschen stärken, die Sachen klären“ und hinsichtlich der hier immer wieder auftauchenden Frage, was in welcher Weise vorrangig sein soll, ganz nah bei Jürgen Baumert, wenn er sagt: „Die Menschen stärken, indem die Sachen geklärt werden – das ist, was Schule leisten kann und was Lehrer lernen müssen“.[4]

Konkret bedeutet dies für uns, dass wir da, wo es bei aller „Stofflastigkeit“ möglich ist, und da, wo es sich anbietet, die Fachinhalte in unserem Unterricht auch auf einer ethischen Grundlage klären. In Verbindung mit dem oben sowie dem zum Beratungskonzept Gesagten unterstützen wir so die Persönlichkeitsentwicklung unserer Schülerinnen und Schüler in dem Maße und in der Art, wie es unserer Meinung nach Schule zukommt.

 

3. Vielfalt der Lernwege anerkennen

Insbesondere bei der förderungswürdigen Gruppe der lernschwächeren Schülerinnen und Schüler setzen wir über das Prinzip „motivationssteigernder Erfolgserlebnisse durch Übung und Wiederholung“[5] hinaus auch die Erkenntnisse moderner Hirnforschung ein, indem wir fachliche Inhalte über möglichst viele Sinneskanäle zugänglich machen, methodische Vielfalt walten lassen und – wo möglich – interdisziplinär unterrichten, um den Schülerinnen und Schülern Vernetzung von Wissen zu ermöglichen. Erst darüber wird den Jugendlichen ein Zugriff auf die sich immer schneller wandelnde und komplexer werdende Wirklichkeit möglich.

 

4. Zugleich von Konstruktion und Instruktion berücksichtigen

Wie unterschiedlich sich Lernprozesse im konkreten Einzelfall auch gestalten mögen, verbindet uns gemeinsam doch ein didaktisches Prinzip, dem wir uns alle verpflichtet fühlen: Lernprozessgestaltung bedarf – wie konkret auch immer angelegt – sowohl konstruktiver als auch instruktiver Anteile. Damit Schülerinnen und Schüler lernen können, bedarf es

  • sowohl Inhalte, die über das vorhandene Wissen und Können hinausweisen,
  • als auch Gelegenheiten zu einer aktiv-produktiven Auseinandersetzung mit diesen Inhalten.

Instruktion ohne Konstruktion bleibt personal unbezogen, Konstruktion ohne Instruktion bleibt fachlich oberflächlich. Insofern sehen wir eine möglichst fundierte und breite Sachkenntnis als die beste Grundlage für instruierende Anteile an.

 

5. "Neue Medien" zur Stärkung des Selbstorganisiertes Lernens (SOL) nutzen

Die bestehenden sehr guten Einsatzmöglichkeiten der so genannten „Neuen Medien“, vor allem auch die mit dem weitergehenden Ausbau unseres Selbstlernzentrums und die mit der Einführung von "Bring-your-own-device-Klassen (BYOD) im Schuljahr 2013/14 verbundenen Perspektiven, erweitern wesentlich die Möglichkeiten zur Integration konstruktiver Anteile in das Unterrichtsgeschehen.

Hierbei ist in besonderer Weise eine Fragestellung im Fokus der didaktischen Überlegungen: Wie kann es auf digitaler Ebene gelingen, über die bloße Transformierung analogen Materials hinaus, einen echten "Benefit" in Hinblick auf die Generierung lernförderlicher Umgebungen und Prozesse zu gewinnen? Zur Zeit stehen wir diesbezüglich noch am Anfang eines langwierigen, schwierigen und energieaufwendigen Prozesses. Gedacht ist an die Erstellung komplexer "teach-frames" in Orientierung an Lernprozess- und Lernumgebungsgestaltung nach Prof. D. Wahl.  Diese Produkte werden genutzt im selbstständigen und eigenverantwortlichen Lernen innerhalb des SLZ, wie auch vorbereitend, nachbereitend oder auch als integrale Phasierung im regulären Unterricht, in dem Schülerinnen dann zeitweise (re-)konstruierend tätig sind. Zugleich sind wir davon überzeugt, dass eine gezielt auf die jeweilige Lerngruppe und auf die jeweiligen Schülerinnen und Schüler abgestimmte Lehrerinstruktion durch keinerlei digitale Darbietung zu ersetzen sein wird. Dennoch vermag einer solchen ergänzend und unterstützend wichtige Bedeutsamkeit zuzukommen.

 

6. Wechselseitige Hilfe und wechselseitiges Lernen unterstützen

Weitergehend fördern und fordern wir Teambildungsprozesse  unter Beachtung der zur Verfügung stehenden Ressourcen und Rahmenbedingungen,

  • zum einen in der Vorbildfunktion zur Erweiterung der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Zusammenarbeit und Abgestimmtheit, mithin vorbereitend auf berufliche Kontexte,
  • und zum anderen im Teamteaching, in der Teamreflexion und in sonstiger kollegialer Zusammenarbeit im Rahmen der Professionalisierung von Unterricht und Qualitätsentwicklung.

Die Notwendigkeit einer engen Kooperation insbesondere mit Betrieben, die ausbilden und/oder Praktika ermöglichen, ergibt sich für uns unmittelbar aus dem Anspruch einer möglichst abgestimmten Ausbildung.

  1. Praxisinhalte und -erfahrungen werden im Unterricht konstruktiv aufgegriffen (z.B.: „Wie wird in Ihrer beruflichen Praxis mit diesem Anspruch konkret umgegangen?“).
  2. Wir gewinnen weitergehenden Einblick in die Arbeitsabläufe betrieblicher Praxis und gelangen so zu einem Mehr an Qualität in der Auswahl unserer didaktischen Inhaltsentscheidungen („Was ist in Anbetracht der gegenwärtigen beruflichen Praxis an diesem Inhaltsbereich von größerer Relevanz, was ist weniger wichtig, was ist vielleicht auch irrelevant?“).
  3. Der Praxisbezug hilft uns, unseren Unterricht methodisch lernförderlicher und die Lernprozesse individueller zu gestalten (z.B.: Inhalte unterschiedlich und vielfältig veranschaulichen, Schülerinnen und Schüler gezielt ansprechen, sie differenzierter mit Aufgaben betrauen, Gruppenbildungsprozesse gezielter steuern).

Schließlich ist es im Sinne wechselseitiger Hilfe und wechselseitigen Lernens unser Bestreben, die unterschiedlichen Kompetenzen nicht nur innerhalb einer Lerngruppe zu nutzen, sondern immer wieder auch synergetische Effekte zwischen den Teilzeit- und den Vollzeitbildungsgängen zu erzielen. So gestalten wir Lernumgebungen, die so angelegt sind, dass

  • vollzeitschulische Bildungsgänge vom größeren beruflichen Erfahrungshintergrund affiner Teilzeitbildungsgänge profitieren,

und zugleich

  • Schülerinnen und Schüler aus dem Teilzeitbereich insbesondere in ihren berufsübergreifenden Kompetenzen herausgefordert werden: Anwendung professioneller Präsentationstechniken, pädagogische Fähigkeiten, erläuternde und veranschaulichende Fähigkeiten, kommunikative Fähigkeiten, Teamfähigkeit.

 



[1]   im Sinne von Norbert Landwehr

[2]   im Sinne von Hans Aebli

[3]   vgl. hier Wolfgang Melzer und Uwe Sandfuchs

[4]   z.B.: Baumert, J.: Institutioneller und individueller Umgang mit Heterogenität: Ungelöste Probleme, Vortrag im Rahmen des Symposiums „Heterogenität von Lerngruppen – Eine Herausforderung an die Schulpädagogik“ der Universität zu Köln, November 2008

[5]   siehe a.a.O.

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